Das Projekt

„Ich bin hier!”: Das sind 140 Werke von 100 Künstlerinnen und Künstlern aus sechs Jahrhunderten – ein variantenreiches Panorama von Selbst-Darstellungen in alten und  neuen Medien, von der intimen Zeichnung bis zum Selfie im world wide web, von Palma Vecchio bis zu Ai Weiwei. Drei europäische Museen – das Musée des Beaux-Arts in Lyon, die National Galleries of Scotland in Edinburgh und die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe – tragen mit drei Stationen zu diesem trinationalen Kunstereignis bei. Das Projekt "Ich bin hier. Europäische Gesichter" wird von der EU als Teil des Programms „Kreatives Europa“ der Exekutivagentur Bildung, Audiovisuelles und Kultur der Europäischen Kommission großzügig unterstützt.  „Kreatives Europa" ist das neue Programm der Europäischen Union für den Kultur- und Kreativsektor in Europa für die Laufzeit 2014 bis 2020.

Die Ausstellungen in Karlsruhe, Lyon und Edinburgh nähern sich dem Thema auf unterschiedliche Weise und tragen variierende Titel. Verschiedene kuratorische Sichtweisen auf die Werke und die notwendigerweise andersartigen räumlichen Gegebenheiten werden für die Besucher drei Lesarten der Ausstellung eröffnen. Auf dieser Webseite werden alle drei Ausstellungen auf Deutsch, Englisch und Französisch vorgestellt.

Pia Müller-Tamm

Direktorin
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

„Als erste Station des europäischen Gemeinschaftsprojekts 'Ich bin hier!' heiße ich Sie auf dieser Webseite und in der Ausstellung in Karlsruhe herzlich willkommen! Mit unseren Partnern in Lyon und Edinburgh eröffnen wir für Sie ein faszinierendes Panorama mit künstlerischen Selbst-Darstellungen - 500 Jahre kreatives Europa. Werden Sie in der Ausstellung mit dem Kunstprojekt FLICK_EU Teil einer europäischen Porträtgalerie.”

Sylvie Ramond

Direktorin
Musée des Beaux-Arts de Lyon

„Herzlich willkommen! Liebe Besucher, wir freuen uns darüber, Ihnen durch die Zusammenarbeit unserer drei Sammlungen die Wanderausstellung 'Ich bin hier!' zu präsentieren. Wir hoffen Sie werden an den Werken aus drei europäischen Museen, die hier zusammenkommen, Freude haben! Bis bald in Lyon, wo wir Sie nach dem ersten Stopp in Karlsruhe erwarten.”

Sir John Leighton

Generaldirektor
National Galleries of Scotland

„Für die National Galleries of Scotland ist die Beteiligung am Projekt 'Ich bin hier. Europäische Gesichter' außerordentlich spannend. Dieses im Rahmen des Programms 'Kreatives Europa' entwickelte Projekt wird uns ermöglichen, die künstlerische Identität der drei Partnerländer zu entdecken, wenn die Ausstellung im Sommer 2016 in der Scottish National Portrait Gallery gezeigt wird.”


Die Museen

Drei Partner in Karlsruhe, Lyon und Edinburgh zeigen die Wanderausstellung ”Ich bin hier!”: drei Museen, die zu den frühen Gründungen ihrer jeweiligen Länder im 19. Jahrhundert zählen; alle drei Häuser sammeln spartenübergreifend Kunst von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart; alle besitzen Hauptwerke der europäischen Kunstgeschichte, aber auch weniger bekannte Werke von regional tätigen Künstlern und Künstlerinnen.

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe mit ihren drei Gebäuden an der Hans-Thoma-Straße – dem Haupthaus, der Jungen Kunsthalle und der Orangerie – zählt zu den großen und traditionsreichen Museen in Deutschland.

1846 eröffnet, ist die Kunsthalle eines der wenigen, in großen Teilen ihrer alten Substanz und Ausstattung original erhaltenen Kunstmuseen. Im Hauptgebäude und in der Orangerie sind 800 Werke vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart ständig zu sehen.

Die Junge Kunsthalle präsentiert wechselnde Ausstellungen speziell für Kinder und Jugendliche. Sie spricht ästhetische und kreative Potentiale an, fördert den Spaß am Lernen und regt zum selbständigen und selbstverständlichen Umgang mit Kunst und dem Museum als Lern- und Freizeitort an.

Im Zentrum unserer Museumsarbeit stehen die Bewahrung des Vermächtnisses aus sieben Jahrhunderten der europäischen Kunstgeschichte, aber auch der aktuelle Dialog mit der Sammlung und deren qualitätvolle Erweiterung.

www.kunsthalle-karlsruhe.de

Musée des Beaux-Arts de Lyon

Das Musée des Beaux-Arts ist eines der größten französischen und europäischen Museen. Es liegt im Zentrum von Lyon zwischen den Flüssen Rhône und Saône und ist in einem prachtvollen Gebäude aus dem 17. Jahrhundert untergebracht.

Seine auf 70 Räume verteilten Sammlungen bieten den Besuchern einen außergewöhnlichen Rundgang durch Antike und Moderne. Dank einer aktiven Ankaufspolitik, die sich insbesondere an Förderer - Amateure, Sammler oder Nachfahren von Künstlern - wendet, erweitert das Museum regelmäßig seine Schätze.

Unser Museum ist ein Ort, in dem gelebt wird. 130 Personen arbeiten hier täglich, um Sie in unseren Sammlungen und bei Ausstellungen zu erwarten.

www.mba-lyon.fr

National Galleries of Scotland

Die National Galleries of Scotland in Edinburgh zählen zu den bedeutendsten Museumsverbünden Europas.

Der Zusammenschluss umfasst drei Häuser mit unterschiedlichen Sammlungsprofilen: Die Scottish National Gallery mit ihrer herausragenden Kollektion europäischer Malerei von der Renaissance bis zum Postimpressionismus; die Scottish National Portrait Gallery mit einem dezidierten Sammelfokus auf schottischer Porträtmalerei und -fotografie, der es ermöglicht, die Geschichte des Landes anhand von Bildnissen und kulturgeschichtlichen Gegenständen nachzuvollziehen;  die Scottish National Gallery of Modern Art, einer Galerie für schottische und internationale Kunst ab dem Jahr 1900, die sich durch einen besonderen Schwerpunkt im Bereich Dada und Surrealismus auszeichnet.

Alle drei Museen sind in eigenen Gebäuden untergebracht und treten immer wieder durch international beachtete Ausstellungen hervor.

www.nationalgalleries.org


Interview mit den Kuratoren der Ausstellungen
in Karlsruhe, Lyon und Edinburgh

Dorit Schäfer

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Stéphane Paccoud

Musée des Beaux-Arts de Lyon

Imogen Gibbon

National Galleries of Scotland

Welchen Beitrag leisten jeweils die Sammlungen aus Karlsruhe, Lyon und Edinburgh zu dem Projekt?

Dorit Schäfer, Karlsruhe: Die Kunsthalle Karlsruhe ist in der Ausstellung mit wunderbaren niederländischen Gemälden des 17. Jahrhunderts vertreten. Für die Zeit der Romantik können wir mit einigen herausragenden Selbstbildnissen aufwarten, die besonders durch Ihre Empfindsamkeit und Ausdrucksstärke beeindrucken, wie das Doppelporträt der Gebrüder Winterhalter oder Anselm Feuerbachs jugendliches Selbstbildnis. Schließlich sind aus der Neuen Sachlichkeit, für die Karlsruhe ein wichtiges Zentrum war, einige bedeutende Werke aus unserer Sammlung dabei. Künstler wie Georg Scholz, Wilhelm Schnarrenberger oder Karl Hubbuch beeindrucken durch die kühle Präzision ihrer Malerei und werden vor allem auf den Ausstellungsstationen in Lyon und Edinburgh ein neues Licht auf die noch viel zu wenig bekannte deutsche Kunst der Klassischen Moderne werfen.

Stéphane Paccoud, Lyon: Die Auswahl der Selbstportraits aus Lyon besteht hauptsächlich aus alter Kunst und der des 19. Jahrhunderts. Das Musée des Beaux-Arts de Lyon beherbergt eine der größten Sammlungen von Kunst aus dem 19. Jahrhundert in ganz Frankreich. Viele Künstler aus der Lyoner Schule (L’École de Lyon), eine der wichtigsten Schulen der Malerei im Frankreich des 19. Jahrhunderts, sind in der Ausstellung vertreten.
So wurde zum Beispiel das Selbstportrait, das für das Poster der Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle in Karlsruhe ausgewählt wurde, von Louis Janmot gemalt. Er war ein Schüler von Ingres und im Jahr 1831, als er das Portrait malte, war er gerade mal 18 Jahre alt. Dieses Werk wurde kürzlich vom Musée des Beaux-Arts erworben und steht beispielhaft für die Lyoner Schule.

Imogen Gibbon, Edinburgh: Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Drucke, Kollagen und Skulpturen aus der Sammlung der National Galleries of Scotland (NGS) sind alle in der Ausstellung zu finden. Die früheste Arbeit geht auf das Jahr 1510 zurück und die aktuellste entstand im Jahr 2012. Um klar zu machen, wie groß die Bandbreite der gezeigten Arbeiten ist: das erstgenannte ist eine Kreidezeichnung von dem italienischen Künstler Palma Vecchio – er ist einer der innovativsten und originärsten Maler im Venedig des 16. Jahrhunderts. Das jüngste Werk ist von Angela Palmer und heißt ”Brain of the Artist” (Das Hirn des Künstlers). Es handelt sich dabei um eine Skulptur, für die ein MRT-Scan der Künstlerin in sechszehn dünne Glasplatten eingraviert wurde, um ein dreidimensionales Bild zu erzeugen, das in einer Glaskammer schwimmt.

Welche besonderen Herausforderungen gab es bei der Durchführung dieses Projektes? Gab es Überraschungen?

Dorit Schäfer, Karlsruhe: Die internationale Zusammenarbeit mit den Kollegen aus Edinburgh und Lyon war hochinteressant, da sich nicht nur die Sammlungen unterscheiden, sondern auch gelegentlich die Arbeits- und Sichtweisen. Besucher der Ausstellung werden Künstlern begegnen, die hierzulande selten in Ausstellungen vertreten sind. So zum Beispiel dem unglaublich beeindruckenden Jugendporträt des französischen Nazareners Louis Janmot oder dem bizarren Selbstbildnis Jean Baptiste Frénets, der seinen Kopf auf den muskulösen Körper einer Aktfigur aus Michelangelos Sixtinischer Kapelle setzt. Die Ausstellung hat auch unseren Horizont im Bereich der zeitgenössischen britischen Kunst geweitet, die mit Gemälden von John Patrick Byrne, Ken Currie oder Alison Watt Positionen jenseits des bekannten Kanons der internationalen Gegenwartskunst zeigt.

Stéphane Paccoud, Lyon: Was wir als sehr aufregend erlebt haben, ist der professionelle Austausch mit unseren europäischen Partnern und die Erkundung von Arbeitsweisen, die diesem Projekt, das von drei Institutionen getragen wird, zu Grunde liegen.
Durch den Vergleich unserer Arbeitstechniken und dem Austausch von Wissen in einem europäischen Rahmen kam es erst zu dieser Ausstellung – und darüber hinaus zur Entdeckung von weniger bekannten Künstlern aus den Sammlungen aller drei Museen. Entdeckungen, die wir bald mit unseren Besuchern teilen werden.

Imogen Gibbon, Edinburgh: Es war eine Herausforderung, die lange Liste der Selbstporträts in eine endgültige Liste zu überführen. Es gibt ca. 400 Selbstporträts in der Sammlung der NGS. Letztlich zeigen wir in der Ausstellung nur um die 50 Werke.

Die Besucher in Karlsruhe, Lyon und Edinburgh sollen am Projekt partizipieren – warum ist das für diese Ausstellung wichtig?

Dorit Schäfer, Karlsruhe: Die Frage der Selbstdarstellung ist gerade in Zeiten des Selfies keine rein künstlerische Problemstellung mehr. Die direkte Einbeziehung der Besucher durch Exponate in unserer Ausstellung erschien uns geradezu zwingend. So können die Besucher beispielsweise mit den Installationen Flick_EU und Flick_EU Mirror selbst zu einem Teil der Ausstellung werden. Sie können sich mit Hilfe eines Fotoautomaten im Rahmen des Rundgangs porträtieren lassen und somit an allen drei Stationen selber zu einem Teil der Ausstellung werden. Dem interaktiven Projekt der Ausstellung liegt zugrunde, dass es die Rolle des Einzelnen, seinen Hang zur Selbstdarstellung und sein Verschwinden in der Masse der digitalen Bilder thematisiert. Die Bilderflut an fotografischen Selbstinszenierungen, die uns in sozialen Netzwerken geradezu überrollt kann aber auch wiederum unser Auge für die besonderen Qualitäten der ”historischen” Selbstbildnisse schärfen.

Stéphane Paccoud, Lyon: Das Thema ”Selbstportrait” erfreut sich in unserer gegenwärtigen Kultur großer Beliebtheit – die Herstellung von Selfies wird zu einer zeitgenössischen Praxis. Die Ausstellung setzt dieses Konzept mit vergangen Epochen der Kunstgeschichte in Verbindung und wirft so ein neues Licht auf das Ich und seine visuelle Repräsentation.
Der tatsächliche Besucher der Ausstellung und das virtuelle Publikum (online und/oder per Social Media) können teilnehmen, in dem sie entweder ihre eigenen Selfies oder Bilder schicken oder aber Teil der Installation werden, die das ZKM entwickelt hat. Diese aktive Teilnahme erweitert den Inhalt der Ausstellung und bereichert die Erfahrung für die anwesenden Besucher. Letztlich wird dadurch auch die persönliche Beziehung des Publikums mit den drei im Projekt involvierten Museen gestärkt.

Imogen Gibbon, Edinburgh: Das Selbstporträt lässt den Betrachter automatisch Fragen stellen. Da die Besucher mit ihren selbst aufgenommenen Bildern an der Ausstellung teilnehmen, werden sie sich mit diesen Fragen beschäftigen und Antworten formulieren, wie es auch die Künstler taten, die in der Ausstellung zu sehen sind. Selbstporträts sind fluide in dem Sinne, dass sie keinen Beschränkungen unterliegen: entstanden in der Antike, in der Renaissance gereift und heute wegen einer Vielzahl von Gründen geläufig. Hier gibt es für Besucher aus drei verschiedenen Ländern eine Möglichkeit, sich selbst in einer neuen Stufe in der Entwicklung des Selbstporträts zu verorten und dabei ihre Beziehung zur Welt neu zu denken.

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